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http://www.gelsenkirchener-geschichten.de/viewtopic.php?p=270150#270150


Danke!


Die ARTSpraktiker möchten an dieser Stelle noch einmal allen am Eröffnungsabend in der ARTSpraxis Beteiligten einen besonderen Dank aussprechen. Wir danken:

Peter Rose, der völlig mutig und auf einem Stuhl stehend die Eröffnungsrede hielt, obwohl er so wenig über die ARTSpraxis und ihr Team wußte.

Claus Berges, der steppend bewies, dass Malen nicht zwangsläufig "Handwerk" ist.

Andreas Hägler, der Claus dabei musikalisch begleitete.

Rolf Gildenast, der ... alle überraschte!

Barbara Marrek & Hans Elchen, die auf Cello, Geige und Gitarre Jazz lebendig machten.

Und natürlich danken wir (last but not least) Heinz Niski, ohne dessen Initiative es die ARTSpraxis heute nicht gäbe.


H. Peter Rose

Rede zur Eröffnung der ARTSpraxis



am 11. Dezember 2010
in der Von-Oven-Straße 10
___________________________

I.
Ausgangspunkt für das heutige Ereignis war ja wohl im letzten Sommer ein Tipp von Heinz Niski zu leerstehenden Räumen einer ehemaligen Arzt-Praxis, die eventuell als Künstler-Ateliers genutzt werden könnten. Herausgekommen ist dabei, was wir heute besichtigen können, und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem das Ende des Kulturhauptstadtjahrs für Gelsenkirchen schon absehbar ist. Denn in der nächsten Woche wird mit der Enthüllung einer 18 Meter hohen Herkules-Statue von Markus Lüpertz auf dem Förderturm im Nordsternpark Schluss sein mit RUHR.2010. Immerhin bleibt Herkules uns für die Zukunft erhalten. Was sonst noch bleibt, ist eine offene Frage.

Ganz im Gegensatz zum heute in der WAZ veröffentlichten Städteranking zur wirtschaftlichen Leistungskraft der 100 größten deutschen Städte, ist die Eröffnung der ARTSpraxis ein gutes Omen für die Zukunft der „freien Kulturszene“ in unserer Stadt. Denn was sich im vergangenen Jahr, vieles davon angeregt und begleitet von dem Internet-Forum „Gelsenkirchener Geschichten“, als zivilgesellschaftliche Initiative alternativ zum offiziellen Kulturhauptstadt-Programm lokal entwickelt hat, kann sich sehen lassen und sollte nicht leichtfertig beiseite geschoben oder gar wieder verspielt werden.

Einige Pflänzchen konnten zum Blühen gebracht werden. Da war das doppelsinnige „Abgehängt“-Projekt mit den von Gelsenkirchener Künstlerinnen und Künstlern gestalteten Bannern in der Hauptstraße. Die „Urbanausen“ entwickelten und organisierten Straßenaktivitäten, brachten sich engagiert ein beim City-Fest „Ab durch die Mitte“ und veranstalteten mit dem Consol-Theater auf Schloß Horst – leider nur einmalig – das Konzert „Klang der Stille“. Ebenso unterstützten sie organisatorisch die von Jürgen Kramer initiierte Ausstellung „Gelsenkirchener um Beuys“. Und meistens war auch „ArtMzug“, der Kunstautomat, dabei.

II.
Mit der ARTSpraxis startet am heutigen Abend nun das Projekt einer Ateliergemeinschaft, in der sich 3 Frauen und 5 Männer zusammengefunden haben, um je für sich künstlerisch und kreativ arbeiten zu können, aber hoffentlich auch gemeinsame Projektideen entwickeln und umsetzen werden, um sich mit ihren Arbeiten öffentlich zu präsentieren und der Diskussion zu stellen. Dies und noch manches mehr ist vielversprechend für die Zukunft der „Gelsenkirchener Szene“, dass sie sich nicht mit RUHR.2010 verabschieden, sondern weitermachen, sich verstetigen und verstärken wird.

Meine Wahrnehmungen der „freien Kulturzene“ stimmen mich zuversichtlich, dass es auch in Gelsenkirchen Potenziale gibt, die bereit sind, ihre Sache „selbst in die Hand zu nehmen“ und „ihr Ding zu machen“ und auf ihre Art und Weise das Gemeinwesen mitgestalten und mit Leben erfüllen wollen, indem sie beispielsweise dazu beitragen, Stadtquartiere kulturell aufzurüsten und peu à peu sogar zu verändern. Ich habe dabei eine alte Erkenntnis bestätigt gefunden, dass leider, wie überall und immer noch, die Menschen mehr können als sie dürfen. Deshalb muss man sie lassen und nicht gängeln.

Gefordert ist Eigensinn und zivilgesellschaftliche Initiative, die nicht auf Staat oder Kommune und „öffentliche Knete“ schielt, sondern mit persönlicher Zivilcourage in der Sache selbst Fakten schafft, wie es hier mit der ARTSpraxis zwischen zwei Bankfilialen geschehen ist. Vielleicht wäre es zwischen zwei Kneipen besser gewesen. Aber wer außer dem „lieben Gott“ unserer Zeit, Josef Ackermann, weiß schon, was aus den Banken wird.

In den vergangenen fünf, sechs Jahren sind einige neue künstlerisch-kreative Orte entstanden, die auch der kulturellen Kommunikation dienen und somit potenzielle Keimzellen für die Entwicklung „kreativer Quartiere“ sind. Heute kommt ein weiterer „Kreativ-Standort“ hinzu. Weitere könnten folgen, denn die Initiatoren der „Kunstperipherie Ruhrstadt“ haben gezeigt, wo und wie Raumpotenziale zu finden sind, um sie für die Szene-Kultur „auf Zeit“ zu erschließen und zu nutzen – und sei es nur für ein Wochenende. Denn was ist schon perfekt? Eine Szene-Kultur lebt von Initiative und Improvisation. Alles andere wäre langweilig.

Die ARTSpraxis könnte Knoten- und damit Ausgangspunkt für ein „kreatives Netzwerk“ in der Innenstadt werden. Die Lage ist nicht schlecht, sie wird sich sogar verbessern, wenn das Hans-Sachs-Haus, das „Jahrtausendbauwerk“ als zentraler Standort endlich fertiggestellt sein wird. Dann wird sich auch das nähere und weitere Umfeld wieder beleben. Leider hat „Abgehängt“ in der Hauptstraße nicht so aktivierend gewirkt, wie erwartet. Aber das könnte sich mit einer vorübergehenden „Inbesitznahme“ des ehemaligen „Kodi“-Ladens ändern, um „Abgehängt“ noch einmal würdigend Revue passieren zu lassen und warum nicht auch noch einiges mehr, solange der Raum verfügbar ist. Vielleicht wäre es auch eine erste gute Chance für die „ARTSpraxisten“, auf sich aufmerksam zu machen und erste Kontakte mit der Nachbarschaft für ein kreatives Netzwerk zu knüpfen.

III.
In der Kunst geht es um „Kreativiät“, um menschliche Schöpfer- und Gestaltungskraft. Die Freiheit der Kunst ist ein Grundrecht unserer Verfassung. Ihre Förderung ist eine öffentliche Aufgabe. Deshalb unterhalten Staat und Kommunen kulturelle Einrichtungen und überlassen sie (noch) nicht der Wirtschaft und den Gesetzen des Marktes. Der Begriff „Kulturwirtschaft“ war mir von Anfang an suspekt. Er wurde von den ersten „Kulturmanagern“ in den 1980er Jahren eingeführt, um die Bedeutung der Kultur für die demokratische Gesellschaft zugunsten der Wirtschaft zu verschieben. Inzwischen ist von „Kreativwirtschaft“ und einer „kreativen Klasse“ die Rede, um die originär mit dem Begriff „Kreativität“ verbundene menschliche Freiheit ökonomisch zu verwerten und damit einzuschränken. Mir scheint, unter Kreativität versteht man heute ausschließlich nur die eine Kunst, an das Geld anderer Leute zu kommen.

Ja, auch die „freie Kulturszene“ wird öffentlich gefördert, aber nicht im Sinne der Entfaltung ihrer kreativen Potenziale, sondern nach ihrer „Bewährung“, also nach vorgegebenen bürokratischen Kriterien. So kann nur schlecht Neues entstehen bzw. ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden. Es bleibt also faktisch nur die Nutzung der politischen Spielräume durch demokratische zivilgesellschaftliche Basisarbeit im Sinne sozialer und kultureller Gemeinwesenarbeit. Dazu müssen die Kommunen gewonnen werden. Wenn schon kein Geld für Sachmittel und Personal, dann doch Unterstützung für Aktivitäten zur Nutzung öffentlicher Räume und Plätze sowie Hilfen bei Beschaffung von Arbeitsräumen etc.

IV.
Ich habe lange überlegt, welchen Kreativitätsbegriff ich Ihnen anbieten kann. „Ein geheimes Kinder-Spiel-Buch“ hat mir auf die Sprünge geholfen. Es ist ein Gedicht aus den 1920er Jahren von Joachim Ringelnatz, das ich Ihnen abschließend vortragen möchte, und hat irgendwie sogar etwas mit den „alten Zeiten“ Gelsenkirchens zu tun. Ich hoffe, dass ich es trotz meiner krächzenden Stimme einigermaßen verständlich rüberbringen kann. Es heißt „Das Bergmannsspiel“:

Unter dem Bett ist der Schacht.
Der wird entweder mit Bettdecken dunkel gemacht.
Oder ihr spielt das Spiel bei Nacht.
In den Schacht schüttet ihr erst recht viel Kohlen.
Die muß der Bergmann auf dem Bauche rausholen.
Ein Licht oder Spirituskocher und zum Graben
Eine Schaufel muß jeder Bergmann haben.
Außerdem muß er vor allen Dingen sich hinten
Ein Stück Leder aus Schuh oder Ranzen anbinden.
Dann baut ihr aus Tisch und Stuhl und Fußbank drei Stufen,
Dort, wo der Eingang sein soll.
Jeder, der runterkriecht, muß erst „Glückauf“ rufen
Und schaufelt eine Zigarrenkiste voll Kohlen voll.
Jeder, der rauskriecht, muß dann ganz dreckig sein.
Und jedesmal müssen alle Glückauf schrein,
Geben euch eure Eltern was hinten drauf,
Dann ihr doch hinten das Leder und ruft nur „Glückauf“.


In diesem Sinne wünsche ich den Akteuren der ARTSpraxis für ihre Ideen, Pläne, Operationen und Aktionen – na, was wohl? – ja sicher:

„Glückauf“!




Foto: Helmut Warnke
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